Mancherorts liest man heute auch vom „Beataufstand“ oder der „Beatrevolte“. Mir scheinen diese Begriffe etwas zu hoch gestapelt. Ich habe das Ereignis als einen friedlichen, eher stillen Protest einiger hundert Beatanhänger in Erinnerung. Fakt ist, es war die größte, nichtgenehmigte Demonstration zwischen dem 17. Juni 1953 und dem Herbst 1989.

 

Was war geschehen?

In Leipzig gingen die Behörden besonders rigoros gegen die Beatbewegung vor. Sie verboten fast alle der annähernd sechzig Amateurbands. Am 21. Oktober wurde auch den „Butlers“, der wohl populärsten Leipziger Band, ein unbefristetes Spielverbot erteilt. Das veranlasste zwei Brüder aus Markkleeberg, einem Vorort von Leipzig, Flugblätter anzufertigen, auf denen sie zum Protest aufriefen:

„Beat – Freunde! Wir finden uns am Sonntag, den 31.10.65, 10 Uhr auf dem Leuschnerplatz zum Protestmarsch ein.“

Aufgrund ihrer begrenzten technischen Möglichkeiten (sie benutzten einen Kinderstempelkasten) war der Wirkungsgrad eher gering. Die Quellen sprechen von etwa 180 verteilten Flugblättern. Am Abend des 25. Oktobers tauchten die ersten Flugblätter im Stadtgebiet von Leipzig auf. Ich hatte ein solches nie zu Gesicht bekommen. Die Leipziger Behörden starteten jedoch eine regelrechte Kampagne.  In der „Leipziger Volkszeitung“ erschien ein „Anti-Beatartikel“ und in den Berufs- und Oberschulen warnten Lehrer und Funktionäre vor der Teilnahme, drohten bei Missachtung sogar mit Schulausschluss. In einigen Fällen wurden auch die Schulranzen nach vermeintlichen Flugblättern durchsucht. Dieser Aktionismus führte schließlich dazu, dass nun auch der letzte Leipziger Jugendliche davon erfuhr.

Ich war damals gerade elf Jahre alt, und hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas von Klaus Renft und den „Butlers“ gehört, aber es schien spannend zu werden.  Bis zu meiner ersten Begegnung mit „Renft“ sollte es noch etwas dauern. Die fand erst Jahre später irgendwo im „Anker“, der „Sonne“, im „Sack“ oder in der Central-Halle Gaschwitz statt.

 

An jenem Sonntagmorgen fuhr ich gemeinsam mit einem Freund mit der Straßenbahn von Sellerhausen zum Karl-Marx-Platz und ging zu Fuß auf dem Ring zum Wilhelm-Leuschner-Platz. Auffälliges war nicht zu bemerken. Aber es schienen doch mehr Leute als üblicherweise an einem Sonntagmorgen unterwegs zu sein. In sicherer Entfernung „bezogen wir Posten“ und warteten darauf, was passieren würde. Nach und nach füllte sich der Platz. Die Quellen sprechen heute von etwa zwei Tausend Menschen. Unter ihnen ein harter Kern von etwa 800 „echter“ Beatanhänger, leicht an ihrem Outfit auszumachen. Es dauerte nicht lange und Mannschaftswagen der Volkspolizei fuhren vor. Zu lesen war auch von Schützenpanzerwagen. Die habe ich jedoch nicht gesehen, aber den Wasserwerfer schon. Ein Großaufgebot der Polizei mit Gummiknüppeln und Hunden trieb die Menge auseinander, noch bevor die in irgendeiner Weise ihren Protest artikulieren konnte. Einige Jugendliche wurden sofort auf die bereitstehenden LKW verfrachtet. Manche verloren gleich vor Ort ihr Haupthaar.

Es soll etwa 260 Festnahmen gegeben haben (auch hier widersprechen sich die Quellen), von denen etwa 100 Jugendliche ohne Gerichtsurteil für mehrere Wochen zum „beaufsichtigten Arbeitseinsatz“ in den Leipziger Braunkohletagebauen „verknackt“ worden sind.

 

Quellen:

M. Rauhut: Beat in der Grauzone

Yvonne Liebig: All you need is beat – Jugendsubkultur in Leipzig