Thomas Bürkholz (geb. am 26. Februar 1949)

 

Rockmusiker, Komponist, Produzent und Kapellmeister mit einer ebenso langen wie wechselvollen künstlerischen Laufbahn.

Bürkholz begann sich schon frühzeitig für Musik zu interessieren. Am liebsten hätte er auf dem Klavier geklimpert, doch das Geld reichte nur für ein 'Schifferklavier'. Seine ersten Gehversuche als Musiker unternahm er als Schüler mit "Cäsar", bevor er im Alter von 15 Jahren von Klaus "Renft" Jentzsch entdeckt worden war.

 

1967 hatte sich die 'Eiszeit', die mit den Ereignissen um die 'Leipziger Beatdemo' entstanden war, gelegt. Das zarte Pflänzchen Rockmusik begann zu wachsen. Das nahm Klaus Renft, der schon damals einer der führenden Köpfe der Leipziger Musikszene war, nach dem Verbot seiner 1958 gegründeten "Klaus Renft Combo" und dem Verbot der Nachfolgeband "Butlers", zum Anlass die "Klaus Renft Combo" zum zweiten Mal ins Leben zu rufen. Neben "Cäsar" holte Klaus Renft auch Bürkholz mit ins Boot und verurteilte ihn zum Schlagzeuger. Doch seine Karierre bei "Renft" fand durch die Einberufung zum Wehrdienst ein baldiges Ende. Noch während seiner Bandzugehörigkeit war Bürkholz sozusagen von Staatswegen zum Besuch der Bezirksmusikschule Leipzig verdonnert worden. Später absolvierte er ganz freiwillig ein Abendstudium an der Musikhochschule Leipzig im Fach Schlagzeug.

 

Man will es gar nicht glauben, aber fast jede Einheit der Nationalen Volksarmee hatte damals eine eigene Tanzmusikkapelle. So konnte er auch während seiner Armeedienstzeit seinem Hobby nachgehen. Man gestattete ihm sogar "Cäsar" und den Leipziger Jochen Hohl in die Kapelle zu holen.

 

Nach dem Wehrdienst kam für Thomas Bürkholz eine Rückkehr zur Renft-Combo nicht mehr infrage. Er wollte spielen, was wegen des übermäßigen Alkoholkonsums während der Muggen, der häufigen Randale im Publikum und dadurch immer öfters verhängter staatlicher Sanktionen, so einfach nicht war. Deshalb wurde er Schlagzeuger der "Robbys", mit denen er schon während seiner Renftzeit einige Mal zusammen gespielt hatte. Seinen Platz am Schlagzeug bei Renft nahm Jochen Hohl ein. Jener Hohl, den ich vor ein paar Jahren während einer Session mit "Bluesm@il" in Lübeck am Keyboard wieder entdeckt habe.

Den "Robbys" eilte damals in Leipzig der Ruf voraus, eine Vorzeigekapelle zu sein. Ich kann das nicht beurteilen, denn genau aus jenem Grund mieden wir ihre Veranstaltungen. Möglicherweise war dies auch der Grund für Bürkholz Anfang der 1970er Jahre die "Robbys" zu verlassen, und seine eigene Band zu gründen.

 

Was kaum jemand weiß, lange vor der eigentlichen Gründung der "Bürkholz-Formation" gab es etliche Probeläufe. So hatte am Anfang die junge Silvia Kottas den Gesangspart übernommen. Nach einem kurzen Intermezzo bei Horst Krüger in Berlin, war die Kottas später mit dem "Cantus-Chor" sehr erfolgreich. Zeitweilig experimentierte Bürkholz mit drei Bläsern und am Bass stand Bernd Sarfert, einem ehemaligen Mitglied des berühmten Leipiger Thomanerchores. Als 1972 endlich Bürkholz's Wunschkandidaten Michael Heubach und Sänger Hans-Jürgen Beyer, der sein Rüstzeug ebenfalls bei den Thomanern erhalten hatte, in die Band kamen, schlug auch die Geburtsstunde der "Bürkholz-Formation".

Ihren ersten Auftritt hatte die Band am 1. Mai 1972 in der Kongreßhalle. Leipziger kennen und wissen das imposante Bauwerk am Leipziger Zoo zu schätzen. Ich weiß gar nicht, ob die Halle heute noch steht bzw. ob in ihr noch Veranstaltungen statt finden. Möglicherweise ist ihr das gleiche Schicksal wie der Central-Halle, dem 'Sack' und so manch anderem Leipziger 'Tanzlokal' widerfahren. Zur Band gehörten: Thomas Bürkholz (dr), Michael Heubach (keyb), Heinz Geisler (g), Hans-Jürgen Beyer (voc), Frank Czerny (b) und Wolfgang Zahn (sax). Die Band nahm einen rasanten Aufstieg, erspielte sich in küzester Frist einen enormen Anhang und füllte jeden Saal. Neben Renft, "Mama Basuto" und den "Klosterbrüdern" zählte die "Bürkholz-Formation" auch zu meinen Favoriten.  Natürlich hatte die Band von Anbeginn eigene Titel im Programm, sonst hätte sie ja keine 'Spielerlaubnis' erhalten. Die ersten Texte lieferte übrigens Gerulf Pannach, einer der beiden späteren Renft-Protagonisten. Später kamen die Texte mehrheitlich von Kurt Demmler. Mit ihrem Song "Wer bloß ist heute Groß" konnten sie sogar richtig punkten.

Aber das war es nicht, was der "Bürkholz-Formation" so schnell Ruhm einbrachte. Es waren vor allem ihre Colosseum-Cover. Beyer bekam damals sogar den Beinamen 'Chris Farlowe der DDR' verpasst. (Gerade deswegen habe ich seinen späteren Aufstieg zum Schlagerstar der DDR bis heute nicht verkraftet). Im Frühjahr 1973 gab die Band in Magdeburg und Karl-Marx-Stadt zwei Konzerte mit Ungarn's Rockband Nummer 1 "Omega". Im Gegenzug waren im August 1973 zwölf gemeinsame Konzerte mit "Omega" in Ungarn vereinbart. Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Am 20. Juli 1973 wurde der "Bürkholz-Formation" für immer die staatliche Spielerlaubnis entzogen. Was war passiert?

Im Juni gab die Band ein Konzert bei Robotron in Radeberg. Während des Konzertes gab es plötzlich einen Stromausfall. Die Unterbrechung des Konzertes führte zu Tumulten im Publikum. Einige Konzertbesucher stürmten sogar die Bühne, worauf der Veranstalter das Konzert abbrach. Der Band wurde zur Last gelegt, sie habe durch ihren extasischen Auftritt die Krawalle provoziert. Die Bandmitglieder wurden mit Sanktionen bestraft. Thomas Bürkholz als Bandleader traf es am härtesten. Er bekam bis 1979 Berufsverbot.

 

Eher unfreiwillig begann Thomas Bürkholz sich in dieser Zeit auf sein zweites berufliches Standbein zu konzentrieren. Mit dem komponieren und produzieren im eigenen Tonstudio hatte er schon vor der Bürkholz-Ära begonnen. Sein Erstlingswerk war die Inszenierung des Musicals "Der Soldat und das Feuerzeug" nach Hans-Christian Anderson. Doch immer wieder kam der Rocker in ihm durch; zog es ihn selbst auf die Bühne. Erst als sich die Wogen geglättet hatten und nach mehreren Eingaben nahmen die verantwortlichen staatlichen Stellen Mitte der 1970er Jahre das Berufsverbot zurück und Bürkholz kehrte für kurze Zeit ans Schlagzeug zurück.

 

Bis auf Beyer, der inzwischen seine Schlagerkarriere gestartet hatte, fand sich die 'alte Bürkholz-Formation' wieder und nannte sich jetzt "Automobil", auch wenn man anfangs mit dem Bürkholz-Repertoire startete. Michael Heubach - bekannt als der Farbfilmmicha - war inzwischen Kopf der Band geworden. Er war es auch, der die junge Nina Hagen entdeckt hatte. Als Heubach versuchte die spätere Punk-Diva in die Band "Automobil" zu holen, spaltete die sich in zwei Lager. Bürkholz's Ablehnung gegenüber der Hagen brachte ihn den Vorwurf ein, er wolle seine eigene Band gründen, was ihm aber durch die Auflagen der Leipziger Kulturfunktionäre untersagt worden war. Als diese von den Vorwürfen Wind bekamen, ereilte Bürkholz sofort ein neues Auftrittsverbot, welches letztlich bis 1979 andauerte.

Das war auch das Ende für "Automobil". Heubach ging nach Berlin zu Horst Krüger und später zu "Lift", wo er mit der "Tagesreise" nach "Wer die Rose ehrt" (Renft) den nächsten absoluten Hit landete. Geschrieben hatte Heubach diesen wunderbaren Rocksong eigentlich für die "Bürkholz-Formation". Doch diese konnte den Titel nicht mehr ins Programm nehmen. Die Originalfassung wurde später durch die "Horst-Krüger-Band" veröffentlicht. Bei "Lift" wurde die Tagesreise von Heubach neu arrangiert und zum zweiten Mal veröffentlicht.

Heinz Geisler wechselte in die Leipziger Band "GRH-Projekt", spielte später bei "Pilot" bis er schließlich in die Bundesrepublik flüchtete.

Frank Czerny wechselte zu "SET". Diese 1972 von Lutz Heinrich gegründete Band gehörte zu den erfolgreichsten Leipziger Rockformationen.

 

Nachdem 1979 das Berufsverbot für Thomas Bürkholz endgültig aufgehoben worden war, landete auch er bei "SET", wo er Bernd Haucke am Schlagzeug ersetzte. Haucke ging nach Berlin, spielte bei "Prinzip", "Modern Soul Band" und "NO55". Heute sitzt Haucke in Rockhaus-Kilian`s Stones-Cover-Band "Starfucker" am Schlagzeug und ist einer der 'Väter' der Konzertreihe "Das besondere Konzert" in Protzen.

"SET" erreichte mit seiner DDR-typischen liedhaften Rockmusik bei weitem nicht an die Klasse der "Bürkholz-Formation" heran. Man spielte in einer anderen Liga. "SET" versuchte ein breites Publikum zu erreichen, was der Band auch gelang. Mitte der 1980er Jahre war "SET" auf dem Gipfel angelangt; hatte alles erreicht was in der DDR zu erreichen war (Rundfunkproduktionen, Plattenaufnahmen, Fernsehauftritte, Auslandsgastspiele). Das war Mainstream. Und der hatte mich schon damals nicht gereizt. Ich wurde erst auf "SET" aufmerksam, als sich die Nachricht, im Leipziger Schauspielhaus würde eine Band Stones spielen, wie ein Lauffeuer unter der Leipziger Jugend verbreitete.

Mit "SET" konnte Bürkholz seine zweite Leidenschaft verwirklichen. Noch als Amateurband war "SET" an zahlreichen Musikproduktionen und Bühnenwerken beteiligt. Der Hammer jedoch war besagtes Rock-Musical "Fiktiver Report über ein amerikanisches Pop-Festival" des Ungarn Tibor Dery. Für diese Inszenierung arrangierte Bürkholz die Originalmusik der ungarischen Rockband "Locomotiv GT" neu und "SET" lieferte auf der Bühne die Musik. Unter den Schauspielern war damals übrigens der heutige Chef der Sachsenklinik aus "In aller Freundschaft". 1988 war dann auch das Ende von "SET" gekommen.

 

Bürkholz legte die Schlagstöcke beiseite und widmete sich nun gänzlich der Bühne. Zahlreiche Bühnenwerke tragen sein Handzeichen. 1982 bereits entstand das Rockmusical "Rockballade", welches am 9. Januar 1983 am Leipziger Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Das Libretto stammt von Andreas Knaup.

2000 entstand mit "Rheinsberger Maskerade" seine erste Oper und 2005 brachte Bürkholz der DEFA-Kultfilm "Heisser Sommer" als Musical auf die Bühne. Die Musik schrieben übrigens Gerd und Thomas Natschinski.

 

Ausgerechnet der ehemalige Schlagerstar der DDR war es, der die "Bürkholz-Formation" noch einmal in Originalbesetzung auf die Bühne brachte. In 2009 - anläßlich des 60. Geburtstages von Hans-Jürgen Bayer - kam es zu einem einmaligen Reunion-Konzert. Allerdings ohne Thomas Bürkholz, der aus beruflichen Gründen verhindert war.

 

(Januar 2015)

 

 

 

 

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