Bekanntermaßen hat es deutschsprachiger Blues hierzulande noch immer schwer; ganz besonders im Westen der Republik. Und „Mundartblues“ erst recht. Nichts für Normalos! Das jedoch hält „Mister Blues“ nicht davon ab, ihren Blues an den Mann resp. Frau zu bringen. Beharrlich geht das Duo aus OWL seit 2005 seinen Weg und erzählt in seinen Liedern „Geschichten, die der reine Blues sind!“ (Originalton) Und genau das macht diese Formation für mich so interessant.

 

„Mister Blues“ – das sind die Zwillingsbrüder Torsten Buncher (harp, b, voc) und Bert Halbwachs (g, voc), die den Blues nicht etwa auf den Baumwollplantagen der Südstaaten, sondern auf den Erdbeerfeldern im Schatten des Brackenberges im Naturpark Münden für sich entdeckt haben. Was dabei herauskommt, nennen sie „Brackenbergblues“.

 

Wer „Mundartblues“ verbreitet, macht seine Verbundenheit mit der Heimatregion offenkundig. Für „Mister Blues“ ist es das Lipper Land zwischen Bielefeld und Bad Pyrmont. Und ebenda sind sie auch vorzugsweise auf den Bühnen zu erleben, auf denen sie ein gut zweistündiges Feuerwerk abbrennen und dabei erneut ein klassisches Klischee durchbrechen, denn der „Brackenbergblues“ ist nicht etwa tieftraurig oder sentimental. Statt auf die Tränendrüsen zu drücken, beansprucht er vor allem die Lachmuskeln. Und bei derart eigenwilliger Verknüpfung von klassischem Atlanta-Blues mit deutschen Klamauktexten, gerät das Weltbild der Bluespuristen völlig durcheinander.

 

Als ihre musikalischen Vorbilder benennen die Brüder beispielsweise Big Bill Broonzy oder Elmar James. Die Texte sind vor allem ironisch-heiter, voller sprachlicher Feinheiten und Metaphen, vorgetragen in ostwestfälischem-lippischen Dialekt, transportiert durch professionell gespielten Blues. Diese Wortspielereien – einfach köstlich. Sie sind in meinen Augen ein weiteres Alleinstellungsmerkmal. Das beginnt schon beim Bandnamen. Mister bezeichnet nicht etwa eine Anrede im englischsprachigen Raum, wie man vermutet. Mister deutet eher auf ihre Herkunft, denn der Vater war Bauer und als solcher war er die meiste Zeit mit ausMISTen beschäftigt; kurz Mister. Und Blues hat im Lippischen die Bedeutung von ‚bloß‘ oder ‚nur‘.

Ich gestehe, auch für sächsisch-preußische Ohren ist es nicht immer einfach, die Botschaft der Bluesbrüder zu verstehen. Aber gerade darin liegt die Herausforderung sich mit dieser Art von Blues zu beschäftigen. Und dazu habe ich ausreichend Möglichkeit; kann ich doch alle bislang veröffentlichten CDs mein Eigen nennen. (Danke!)

 

Bei Brackenbergblues Vol. 1 bis Vol. 4 erhielten die Brüder Unterstützung durch ihre Cousins Michael „Locke“ Habich (dr) aus Stendal und Chris „Hanni“ Beuthner (b) aus Zwickau. Ihr neuestes Werk Brackenberg Vol. 5 „Wüihnaht“ erschien passend zum Titel im Dezember 2014. Auf dieser Scheibe waren neben dem Quartett auch Arno Nühm (Mandoline und Blockflöte) - der Name steht hier natürlich für anonym (schon wieder so eine klassische 'Verarsche') - und Roland Klare an der Gitarre zu Gange.

Schon auf ihrer ersten Scheibe „Sach Blues“ erzählen sie vor allem Geschichten aus dem Alltagsleben der Region (Ich bin Lipper) und nehmen ihre lippischen Landsleute mächtig aufs Korn (Hartz IV oder Wachmann). Manchmal ist die Sprache etwas derb und gerade zu (Poppen kannste knicken oder Schamhaar an der Wand). Es ist halt ihre Art von Humor. Anderes dagegen ist eher feinsinnig und nachdenklich, wie „Gib mir noch ne Chance“ (Vol.3 „Elektrisch Licht“) oder die Geschichte vom Trennungsvater ohne Sorgerecht, der sein Kind vermisst (Denk doch mal nach).

Auf die Frage, wie man auf derart Texte kommt, äußerte Bert Halbwachs in einem Interview: „Nach 20 Ehejahren und 3 Scheidungen kommen die Texte von ganz allein.“

Und natürlich gibt es jede Menge ‚schräge‘ Lieder, bei denen beim Zuhören kein Auge trocken bleibt und Lachkrämpfe nicht ausbleiben. Stellvertretend möchte ich nur die Geschichte erwähnen, in der „Mister Blues“ erklärt, wie das Marihuana nach Lippe kam.

 

„Mister Blues“ wird und will auch die Ausnahme in der deutschen Blueslandschaft bleiben. Zitat: „Lipper Blues ist Minderheitsblues“. Nicht mehr und nicht weniger. Und das ist gut so!

Und ich möchte hinzufügen: Mister Blues ist beste Comedy fernab von Cindy aus Marzahn und Co.

 

(März 2015)

 

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Das Erstlingswerk der Lipper Bluesmänner "Sach Blues" wurde am 10. Juli 2010 von Torsten Buchner (harp, voc), Bert Halbwachs (g, voc), Chris "Hanni" Beuthner (b), Michael "Locke" Habich (dr) und Arno Nühm (Kazzoo, Mandoline) eingespielt. Die Comics, mit deutlichem Bezug zum Inhalt, auf dem Cover stammen von Martin Müller, dem Leiter des Q-Werks in Gröbenzell.

 

Track Liste

1   Nadine 2:32

2   Solche Mädels 3:20

3   Kamsutra Kati 2:12

4   Ich bin Lipper 3:33

5   Wachmann 4:54

6   Denk bitte nochmal nach 5:01

7   Weight Watcher's Leid 4:20

8   Pommes rot-weiß 4:55

9   Schamhaar an der Wand 2:27

10 Mutti sacht 2:56

11 Hartz IV 3:39

12 Poppen kannste knicken 3:18

 

Da wo bei "Mister Blues" Blues drauf steht, ist auch Blues drin. Es ist ein sehr traditionell gehaltener Blues, bei dem meist die Bluesharp den Ton angibt. Mal etwas flotter - mal etwas getragener, wie bei "Hartz IV". Dieser Song ist so eine Art neudeutsche Variante tieftrauriger und höchstsentimentaler Bluesthemen.

Die Frauen spielen bei Buncher und Halbwachs, die für Text und Musik dieser Scheibe verantwortlich zeichnen, offensichtlich eine gewichtige Rolle, wie die beiden Einsteiger beweisen, wobei "Nadine" ganz meinen Geschmach trifft. Mit "Kamsutra Kati" führt man uns in die Gedankenwelt einsamer und alternder Männerherzen.

Mit "Ich bin Lipper" - einem herrlichen Slow-Blues - folgt eine ganz eigene Liebeserklärung an die Heimatregion, während der ebefalls sehr langsam gehaltene Titel "Denk bitte noch mal nach" - die Bitte eines Trennungsvaters an die Ex - eher berührt.

Dagegen kommt das folgende "Weight Watcher's Leid" eher als lustiges Liedchen daher. Doch das Leid aller übergewichtigen, biertrinkenden Männer scheint bei "Pommes rot-weiß" längst vergessen zu sein.

Ja, und der Rausschmeißer läßt uns dann nochmals so richtig schmunzeln.

 

(März 2015)

 

Bei der Brackenberg Blues Vol. 2 mit dem Titel "Live aufe Deele in Brosen" handelt es sich um einen Konzertmitschnitt vom 11. Dezember 2010.

 

Im März 2013 legten "Mister Blues" mit der Vol. 3 "Elektrisch Licht" nach. Zu den bereits bekannten Akteuren gesellte sich bei Track 10 der Posaunist Georg Metzner. Der Scheibe beigelegt ist eine Warnung: "Falls sich eine(r) angesprochen fühlt: Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Unternehmen sind rein zufällig!". Was wohl soviel bedeuten soll, das Gehörte nicht ganz ernst zu nehmen.

Text und Musik auf dieser Scheibe stammen vom Team Buncher/Halbwachs/Beuthner.

 

Track Liste:

1   Das schönste Mädchen vom Brackenberg 2:16

2   Elektrisch Licht 3:45

3   Foten Wech 2:05

4   Luse Mechthild 2:05

5   Gib mir noch ne Chance 2:25

6   Frauenversteher 4:02

7   Nachtschicht 3:33

8   Jetzt hat sie es gemacht 3:28

9   Wilbasen 2:44

10  Liebe ist der Saft 4:39

11  Ich hol die Milch rein 3:06

12  Lippisch Platt 4:28

13  Sieh zu (Dampfradio) 2:17

 

Musikalisch bleiben "Mister Blues" auch auf dieser Scheibe ihren Stil treu, doch schon mit der ersten Nummer werden sie zumindest sprachlich einen Zacken schärfer; will heißen: ironischer. Im astreinen Lipper Platt nehmen sie auch im Titelsong ihre Landsleute gehörig aufs Korn. Und spätestens hier bekommt der warnende Hinweis auf dem Cover seine Bedeutung.

"... wenn sie könnt, wie ich wollt' hätte ich sie längst beglückt!", heißt es bei Mechthild. Und spätestens bei dieser Nummer muss sich auch der letzte Zuhörer vor lachen auf die Schenkel schlagen. Mit der "Nachtschicht" wird noch mal ordentlich nachgelegt. "Mister Blues" sind halt Frauenversteher.

Mit "Jetzt hat sie es gemacht" kommt nochmals ein herrlicher Slow-Blues, denn ich auf dieser Scheibe zu meinem persönlichen Favoriten erkoren habe; auch wenn ich hoffe, dass die Botschaft dieses Songs mir erspart bleiben möge.

 

(April 2015)

Die Brakenbergblues Vol. 4 - aufgenommen im Dezember 2013 - ist eine unverkäufliche Promo-CD und ist nur über Downloads bzw. Streaming-Dienste beziehbar. Neben "Mister Blues", "Komm Mit", "Hottentotten Verein" und "15 Bier und 13 Korn" ist auf der Scheibe auch eine neue Version der "Kamasutra Kati" zu hören:

"Ich liege auf dem Sofa und verliere meine Sinne..."

 

Noch relativ frisch ist die Vol. 5 "Wüihnacht". Sie erschien im Dezember 2014 und wird uns als erste und einzige Weihnachtsplatte angekündigt, die das ganze Jahr über Spaß machen würde. Das Quartett erhält bei "Sie kauft" Unterstützung von Roland Klare (g). Text und Musik stammen von Torsten Buncher/Bert Halbwachs/Chris Beuthner.

 

Track Liste

1    Liebe ist der Saft 3:46

2    Kalender 3:27

3   Wüihnacht  3:20

4   Gabys Baum  3:49

5   Sie kauft  3:49

 

Der Opener dieser Scheibe schlägt etwas aus der Art - ist eher sehr jazzig angelegt. Doch schon bei "Kalender" fallen die Herren zurück ins klassische Bluesschema. Eine herrliche Nummer - ganz nach meinem Geschmack; nicht nur wegen der fein geblasenen Blues-Harp. Auch mit den Geschichten, die "Mister Blues" auf dieser Scheibe zu erzählen haben, kann ich mich bestens identifizieren. Sie sind nicht nur mitten aus dem Leben gegriffen, sogar hundertmal selbst erlebt. Schließlich habe auch ich mindestens eine halbes Leben wartend vor Schuhläden verbracht!

 

(April 2015)